Herr Kollege Helmut Bonney , Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie (und Kinder- und Jugendarzt) aus Heidelberg schreibt in dem Buch "Systemische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie":
Jüngste
Forschungen über Effekte von Methylphenidat am sich entwickelnden Gehirn
belegen im Tierversuch , dass die frühe Anwendung dieses Stimulanz eine
bleibende Verminderung der Dopamintransportstoffe im Striatum um 50% verursacht
( Moll et al. 2001)
Hier
das Abstract aus Medline:
J Child Adolesc Psychopharmacol 2001
Spring;11(1):15-24
Early methylphenidate administration to young rats causes a persistent reduction in the density of striatal dopamine transporters.
Moll GH, Hause S, Ruther E, Rothenberger A,
Huether G.
Department of Child and Adolescent Psychiatry,
University of Gottingen, Germany.
Methylphenidate is widely and effectively used
for the treatment of attention deficit hyperactivity disorder during early
childhood and adolescence, but until now possible effects of this treatment on
brain development and the maturation of monoaminergic systems have not been investigated systematically. This
experimental animal study describes the effects of methylphenidate administration
(2 mg/kg/day) for 2 weeks to very young (prepubertal) and somewhat older
(postpubertal) rats on the densities of dopamine, serotonin, and norepinephrine
transporters in the striatum and in the midbrain. As shown by
ligand-binding-assays, the K(D) values of all three transporters were
unaffected by this treatment. No alterations were found for the Bmax values of
[3H]-paroxetine and [3H]-nisoxetine binding, but the density of dopamine
transporters (Bmax values of [3H]-GBR binding) in the striatum (but not in the
midbrain) was significantly reduced after early methylphenidate administration
(by 25% at day 45), and this decline reached almost 50% at adulthood (day 70),
that is, long after termination of the treatment. This is the first empirical
demonstration of long-lasting changes in the development of the central
dopaminergic system caused by the administration of methylphenidate during
early juvenile life.
Ohne
jetzt in Panik zu verfallen, denke ich, wir sollten gut über die Ergebnisse
dieser Tierversuche, die sich natürlich nicht ohne Weiteres auf Menschen
übertragen lassen, nachdenken und bestätigende oder widersprechende
Anschlussstudien abwarten! Mich überraschen sie nicht so sehr, weil ich
aufmerksam die Forschungs-ergebnisse zu Ecstasy und anderen Amphetaminen
registriert habe, die auch zunehmend auf bleibende Veränderungen in
Neurotransmitter-Systemen bei chronischem Konsum hinweisen. Nur werden diese
Erkenntnisse drogenpolitisch eingesetzt,
z. B. um Jugendlichen zu signalisieren "Lasst die Finger von diesem
gefährlichen Zeug!" Die Aachener Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Beate
Herpertz-Dahlmann und ihre Oberärztin Ina Grzella wiesen übrigens in
Diskussionen schon häufiger darauf hin, dass bei Methylphenidat ähnliche Veränderungen
im dopaminergen System zu erwarten seien.
Ich werde auch weiterhin Methylphenidat verordnen, aber - wie bisher - nur
wenn andere Möglichkeiten ausgeschöpft sind und krisenhafte Zuspitzungen
drohen. Auch eingedenk nicht auszuschließender Langzeitwirkungen!
Hinweis:
In einer Ausgabe der JAMA erscheint
unter "Medical News & Perspectives" ein Beitrag von Brian Vastag
mit dem Titel "Pay Attention:
Ritalin Acts Much Like Cocaine".
Er greift noch einmal die Forschungsergebnisse von Nora Volkow zum
Wirkmechanismus von Methylphenidat im Dopaminstoffwechsel auf, erklärt (leider,
leider in Englisch) das "Pragmatische Paradox" der durchaus
segensreichen Wirkung der Substanz trotz chemischer Nähe zu Kokain und anderen
Drogen. Ein Leckerbissen für Neurophysiologie-Freaks!
Dann
aber, ziemlich am Schluss auch der Abschnitt: "The long-term dopamine
effects of taking methylphenidate for years, as many do, are another unknown.
The only two large epidemiological studies conflict. One reports more drug
addiction in children with ADHD who took methylphenidate compared with children
with ADHD who took no drug (J. Learn. Disabil. 1998; 31: 533-544); the other
shows the opposite result (Pediatrics 1999; 104:e20)."
Möglicherweise mache chronischer
Ritalinkonsum doch anfälliger für eine verminderte Hirnaktivität von Dopamin ähnlich
wie Kokain? "It's
a key question nobody has answered."
Vielleicht haben die Göttinger Forscher
um Aribert Rothenberger mit der am 17.8. (in diesem Ordner: Re(3) ADHS-syst.
Studie!) von mir zitierten Arbeit einen kleinen Baustein dazu gefunden.
Jedenfalls erscheint es aus der Sicht
des Drogenbeauftragten des BVKJ verfrüht und vielleicht sogar falsch,
Methylphenidat zu einer risikolosen Substanz ohne unangenehme Langzeitwirkungen
zu deklarieren. Ja selbst verstärkende Einflüsse auf Suchtentwicklungen sind
nicht mehr so ausgeschlossen, wie uns manche schon als "endgültige"
Wahrheit verkaufen wollen (Brillen für kurzsichtige Kinder sind da wohl
tatsächlich harmloser). "Pay attention" ist sicher keine so
schlechte Devise!